Geschichte des Gebäudes


In diesem Text möchte ich die gesamte Geschichte des Gebäudes beleuchten. Er wird immer lückenhaft sein, da das Haus viel älter war, als man auf den ersten Blick annehmen konnte. Er wird aber auch immer weiter aktualisiert werden, sobald hilfreiche Hände neue Erkenntnisse beitragen. An dieser Stelle nochmal besonderen Dank an Erwin Boldt vom Stadtarchiv Bad Segeberg, ohne dessen Archivtätigkeit die früheste Geschichte unserer "Linde" warscheinlich schon lange in irgendeinem Mülleimer verschwunden wäre. Solltet ihr beim durchlesen feststellen, das ihr helfen könnt oder noch andere Fotos habt, dann meldet euch.

Das Früheste, was ich bisher rekonstruieren konnte, geht zurück nach 1860. Ein Foto aus dem Stadtarchiv zeigt den Lindenhof in seiner damaligen Form, trotzdessen kann man bereits die letztendliche, neuzeitliche Form erahnen.

Ansicht vom kleinen See, ca.1860

Ich habe versucht, das Gebäude ein wenig herauszuheben, auf dem grossen Foto ist es etwas rechts der Windmühle :

Vergrösserung einer Ansicht vom kleinen See, ca.1860

Aus oder vor dieser Zeit sind leider zum "Lindenhof" keine Dokumente im Archiv vorhanden. Das nächste, was man finden kann, ist eine Anfrage für eine Baugenehmigung vom 13. März 1891. Hier existiert der Lindenhof schon als Gaststätte, denn der Gastwirt Christen beantragt, eine Kegelbahn hinter dem Gebäude zu errichten. Da der gesamte Schriftverkehr aus der damaligen Zeit im Stadtarchiv zwar erhalten ist, jedoch ausschliesslich handschriftlich in der damaligen Schrift, der "Deutschen Kurrentschrift" ,verfasst ist, muss ich ein andermal mit jemandem ins Archiv, der diese noch lesen kann. Man kommt sich wirklich ein wenig komisch dabei vor, seitenweise deutscher Text und man kann kaum ein Wort lesen.

Herr Christen plante, hinter dem damaligen Gebäude eine entlang des Gebäudes verlaufende Kegelbahn in Gestalt eines Fachwerkgebäudes zu errichten. Ein dazugehörender Bauplan und Katasterauszug wurden angefertigt, jedoch taucht die Kegelbahn bis 1909 nicht im Kataster auf. Daher muss ich im Moment annehmen, das der Plan eine Weile ad acta gelegt wurde.

Bauplan der Kegelbahn, 1891

Katasterauszug von 1891

Man erkennt auf diesem Plan und den alten Fotos ganz deutlich, das der nördliche (obere, denn die Karte ist genordet) Teil des Hauses eine andere Form hat als heute. Diese ist auf dem Foto von 1860 zu erahnen, bleibt uns aber noch ein paar Jahre erhalten, sodass wir ihn später nochmal genauer sehen.Anscheinend sind hier Stallungen, die im Laufe der Jahre nach und nach überbaut werden.

Die rege Bautätigkeit reisst nicht ab, und so ist eine der vielen Veränderungen der Bau eines Privees im Juli 1891. Ich habe es leider nicht ergoogeln können, aber ich nehme an, das ein Privee auf neudeutsch eine ohne Wasser betriebene Toilette darstellt.

Bauplan Privee, 1.Juli 1891

1891 soll auch ein Balkon am Gebäude errichtet werden. Dafür wird am 3. Juli 1891 ein Plan für den komplett in Holz errichteten Balkon gezeichnet.

Bauplan Balkon, 3.Juli 1891

Ohne die Texte im Moment lesen zu können, nehme ich an, das dieser Balkon hinter dem Haus gestanden hat, auf dem obigen Katasterplan etwa im unteren linken Bereich, hin zu dem kleinen Nebengebäude.

1892 wird ein Nebengebäude abgerissen, und eine Kante des Grundstückes begradigt. Im Gegensatz zu heute geht die Strasse am Kalkberg beim Lindenhof um die Ecke weiter, dieser Bereich ist durch den Höhenunterschied heute eine Sackgasse.

Katasterplan, 24. Februar 1892

Im Mai und Juni 1895 werden Umbauten am Wohnhaus geplant. Ab dieser Zeit sind die Pläne mit "Für Frau Christen" markiert, es ist dadurch anzunehmen, das Herr Christen verstorben ist. Der Katasterauszug hierfür zeigt deutlich, das vier Jahre später von der Kegelbahn noch nichts zu sehen ist. Ich bin mir bei diesen Plänen noch nicht sicher, ob sie wirklich das rotmarkierte Gebäude auf dem Katasterplan meinen, oder doch den eigentlichen Lindenhof, da die Form auf den Plänen so garnicht übereinstimmt.

Katasterplan, 1.Juni 1895

Bauplan für Umbauten 1895

Im historischen Kontext hat ab 1884 ein Boom der Kurtätigkeit in Bad Segeberg eingesetzt. 1885 wurde das Kurhaus erbaut.Inwiefern dies auf Gastwirte in der Stadt ökonomisch abgefärbt hat, ist mir nicht bekannt, aber im August 1895 gibt es noch eine Anfrage für den Bau eines Stalls neben dem Wohngebäude.

Katasterplan, 19. August 1895

Bauplan für den Stall 1895

1909 gehört der Lindenhof einem Gastwirt namens Christian Wegner und heisst jetzt "Hotel International". Wenn man sich diesen Katasterauszugvom 21.Januar 1909 genau ansieht, sind einige Veränderungen offentsichtlich. Zwischen 1895 und 1909 ist die Kegelbahn gebaut worden. Das Gelände ist warscheinlich verkauft worden, denn ein Teil des Geländes gehört immer noch der Familie Christen, während das Wohnhaus zum dem 1895 gebauten Stall hin erweitert wurde. Es wurde wohl auch verkauft oder vererbt, denn hier gehört es "Siemers und Miterben". Im nördlichen Teil des Lindenhofs ist eine kleine Nase verschwunden. Der Eigner plant, einen Anbau an den Saal zu bauen, und dieser befindet sich etwa dort, wo später DJ-Pult und Tresen unterkommen sollen.Er muss aber später nochmal vergrössert geplant worden sein, denn hier ist er noch zu klein um den späteren Saal zu beherbergen und er taucht auch eine ganze Weile nicht in den Katasterplänen auf.

Katasterplan, 21. Januar 1909

Das Grundlegende der Kneipe ist schon zu erkennen, der Eingangsbereich mit der Treppe ist derselbe, nach rechts hinein in die Kneipe. Das hier als Fremdenzimmer markierte kennen wir als die Küche, und die beiden kleinen Räume waren zuletzt der Zugang zum Küchenkeller. Die hier markierte Küche war später der Durchgang zur Disco. Die obere Wand auf diesem Plan ist nicht die spätere Aussenwand, diese muss wesentlich später angebaut worden sein.

Bauplan für den Saalanbau,  21. Januar 1909

Der Bauplan zu dem geplanten Anbau zeigt uns, das hier ein Anbau an das Dach ausgeführt werden soll. Dieser Übergang ist auf neuzeitlichen Fotos immer noch sehr gut erkennbar.

Seitenansicht von 2006 Seitenansicht von 1999

Auf diesem Foto sieht man links die auf dem obigen Bauplan befindliche ganz linke Stube, durch die Fenster. Es ist eine alte Aussenwand, daher die Wanddicke,die wir immer zum Sitzen genutzt haben. Geradeaus ist hier auf dem Bauplan noch eine Wand, und das auf dem Plan verzeichnete Fenster wäre mitten in den Herrentoiletten.

Gang zum Saal, 2005

1910 ist ein Foto gemacht worden. Die Gipsmühle steht noch, aber in der Zwischenzeit ist der Wasserturm erbaut worden, mit einer dreijährigen Bauzeit von 1907 bis 1910. Wenigstens eines dieser Gebäude steht dort heute noch.In diesem Jahr darf sich die Nachbarstadt Bad Oldesloe das erstemal "Bad" nennen, während Segeberg auf diesen Namenszusatz noch bis 1924 warten muss.

Ansicht vom kleinen Segeberger See, 1910

1919 wird der gesamte nördliche Teil des Lindenhofs, der auf dem obigen Foto noch eine uns unvertraute Form hat, abgerissen, und durch einen tiefgreifenden Umbau ersetzt. Er gehört nun, immer noch als "Hotel International", dem Gastwirt Bernhard Mallach. Der damalige Stall wird durch ein Wohnhaus für 6 Familien überbaut. Viele der Details sind uns in der Ansicht des Hauses nun vertraut, und diejenigen, die im Lindenhof gewohnt haben oder sein inneres gut kennen, werden den Grundriss in seinen groben Zügen bereits gut wiedererkennen.

Katastersituation, 1919

Strassenansicht, 1919

Keller, 1919Erdgeschoss, 1919

Obergeschoss, 1919Schnitt, 1919

Seitenansicht, 1919Seitenansicht, warscheinlich aus den 1980ern

Ausschnitt aus der Strassenansicht, 1919Aussenansicht, 1999

Das Haus hat hier im übrigen das erste Mal Schornsteine. Ich muss noch ein wenig forschen, um zu wissen, warum es sie erst jetzt gibt. Die Fenster haben sich ein wenig verändert, aber man beachte auf den letzten beiden Fotos die Tür, sie ist inklusive ihrer Verzierung in den Steinen achtzig Jahre nicht stark verändert worden. Irgendwann später hat es eine Anpassung gegeben, und alle diese Fenster und Türen wurden oben halbrund.

1924 wird die Nutzung des Obergeschosses nochmal verändert. Der später bekannte Gang zu den Wohnungen entsteht durch Öffnung eines Durchbruches zwischen Fremdenzimmern und Wohnungen. Dieser Plan ist "verkehrt herum"; im Gegensatz zu allen anderen ist er nämlich von der Gartenseite aus gezeichnet und nicht von der Strassenseite aus. Am Rande erwähnt ist dies das Jahr, in dem Segeberg der Titel "Bad" verliehen wird.

Auf dem Foto sieht man diesen Durchbruch, aber schon im sehr zerstörten Gebäude. Für alle, die den Bürobereich kennen, ist direkt links das Büro, rechts der Backstageraum, und geradeaus der Gang in die Wohnungen. Für die, die es nicht so kennen, steht man auf dem Plan auf der "Saal"-seite zwischen N°2 und N°7, die Tür links im Bild ist N°8 und geradeaus ist der Türdurchbruch, der auf dem Plan rot markiert ist. Die durch die Tür erkennbare weisse Fläche ist die Ecke des links auf dem Plan mit Flur bezeichneten Raums.

Umbauplan oberes Stockwerk, 1924Foto im Gang vor dem Backstage, 2005

Am 18.September 1931 beschwert sich der Eigner Otto Grünwald beim Magistrat, dass ihm durch Hochlegung und Asphaltierung der Strasse "Am Kalkberg" nunmehr die Zufahrt auf seinen Hof unmöglich ist. Im selben Vorgang wird ihm wiedersagt, aufgrund der "Verfügung gegen die Verschandelung des Stadtbildes" das unten sichtbare Schild anzubringen.

Das Foto selbst ist hochinteressant, da es uns mehrere Dinge aufzeigt : Einmal ist die gesamte Seitenwand des Lindenhofs aufgedoppelt worden mit einer Ziegelwand, und zwar irgendwann nach 1931.Ausserdem zeigt es uns, das die grosse Doppeltür, die auf dem Ansichtsplan von 1919 noch vorhanden ist, hier vor kurzer Zeit verschwunden ist, denn man erkennt die frischeren Steine in der Wand rund um das dritte Fenster von links. Auch sind hier die Dachgauben verschwunden, also muss es zwischen 1924 und 1931 einen relativ massiven Umbau der Dachfläche gegeben haben. Und nicht zuletzt ist hier noch die Originalseitenwand zu sehen, auf dem neueren Foto unten ist sie aufgedoppelt. Auch muss die Grundstücksseite des Lindenhofs später ausgeschachtet worden sein, denn der Baum dort an der Ecke steht an einer Stelle, die später etwa vier Meter tiefer liegt.

Gebäudefoto 1931Gebäudefoto 2006

Gebäudefoto 2006Gebäudefoto 2005

1935 steht der benachbarte Mühlenturm noch, aber von 1934 bis 1937 wurde unter dem Naziregime durch den Reichsarbeitsdienst am Kalkberg das heutige Kalkbergstadion gebaut. Es war in der Planung, viele solcher Stätten zu bauen, aber durch heftige Budgetüberschreitungen und den Kriegsausbruch ergab es sich, das das Stadion das einzige fertiggestellte Projekt dieser Art ist. Auch das Umland um den Kalkberg herum hat einiges an Umbauten erlebt. Links ein Luftbild von 1935, rechts eines von 1938. Auf dem jüngeren Foto ist trotz der unterschiedlichen Perspektive ersichtlich, das der Mühlenturm verschwunden ist, der heutige Parkplatz gebaut wurde, und sehr schwach erahnbar, das die weit früher geplante Saalerweiterung gebaut wurde. Ich habe auf beiden Fotos das Gebäude einmal farbig umrissen, da es wirklich nicht ganz einfach zu sehen ist.

Luftbild 1935Luftbild 1938

Die Bestände des Stadtarchivs hören hier auf, sind aber ab 1948 im Bauamt der Stadt Bad Segeberg vorhanden. Ich hoffe, auch auf diesen Bestand zugreifen zu können, damit noch viel mehr Details geklärt werden können.

Es gibt noch ein Bild aus den sechziger Jahren, das ich hier noch zeigen will. Die angesprochene Aufdopplung der Aussenwand hat hier stattgefunden, sie muss also zwischen 1931 und 1960 erfolgt sein. Leider ist die Qualität der Luftbilder nicht so, als das man die Schornsteine zählen könnte, dennoch müssen die beiden linken in der Zwischenzeit hinzugekommen sein.Ganz links lässt sich der Dachübergang zum Saalanbau erahnen, dieser muss also vor 196O fertiggestellt worden sein, und wenn mein Eindruck vom 1938er Luftbild stimmt, dann ist er sogar vor 1938 gebaut worden. Genaues lässt sich hier aber mit den im Moment vorhandenen Fotos nicht sagen.Aber das ein Baum auf dem 60er Bild dort alt geworden ist, sieht man auf den Vergleichsbildern.

Gebäudeansicht aus den sechziger JahrenGebäudeansicht, 1999

Gebäudeansicht, 1999